Sehr geehrte Aktionärinnen und Aktionäre (Handschrift)
Dr. Josef Ackermann, Vorsitzender des Vorstands und des Group Executive Committee (Foto)

Dr. Josef Ackermann
Vorsitzender des Vorstands und
des Group Executive Committee

das dritte Quartal 2008 war geprägt von einer eklatanten Verschärfung der Finanzmarktkrise im September. Die ohnehin bereits sehr schwierigen Bedingungen an den Kreditmärkten verschlechterten sich weiter und die Liquidität im Finanzsystem ging so weit zurück wie noch nie zuvor in dieser Krise. Durch den Zusammenbruch einer großen US-amerikanischen Investmentbank wurde das Vertrauen des Markts schwer erschüttert. Die Aktienmärkte, die sich bislang noch besser als die Kreditmärkte gehalten hatten, brachen zum Teil dramatisch ein. Diese außergewöhnlich kritischen Bedingungen haben sich im Oktober fortgesetzt. Regierungen und Zentralbanken reagierten weltweit mit Interventionen in einem noch nie da gewesenen Umfang: Es kam zur Rekapitalisierung namhafter Banken, zu einer großzügigen Versorgung der Märkte mit Liquidität sowie Zinssenkungen, der Bereitstellung oder Verstärkung des Einlegerschutzes, einer Stützung des Interbankengeldmarkts und dem Ankauf von notleidenden Vermögenswerten. Vielfach unterstützten die Behörden den in Gang gekommenen Konsolidierungsprozess, indem Großbanken andere Finanzinstitute übernahmen, die aufgrund der Krise stark angeschlagen waren. Wir haben die abgestimmten Maßnahmen von Regierungen und internationalen Organisationen zur Stabilisierung des Finanzsystems von Anfang an begrüßt und werden sie weiter unterstützen.

Trotz dieses außergewöhnlichen Umfelds konnte die Deutsche Bank das dritte Quartal mit einem Gewinn abschließen. Das Ergebnis nach Steuern, einschließlich bestimmter Steuergutschriften, lag bei 414 Mio € oder 83 Cent je Aktie (verwässert) nach einem Vorsteuerergebnis von 93 Mio €. Der Unternehmensbereich Corporate Banking & Securities erlitt einen Vorsteuerverlust von 789 Mio €, der vor allem die Abschreibungen auf Altbestände und Handelsverluste in extrem volatilen Märkten widerspiegelt. Unsere anderen Unternehmensbereiche – Global Transaction Banking, Asset and Wealth Management sowie Private & Business Clients – erwirtschafteten ein Vorsteuerergebnis von 449 Mio €, während der Konzernbereich Corporate Investments 238 Mio € erzielte. Wir haben unverändert von der Möglichkeit, unsere eigenen Verbindlichkeiten zu Marktwerten anzusetzen (sogenannte „Fair-Value-Option“), nur in sehr geringem Umfang Gebrauch gemacht und daraus lediglich einen Gewinn von 146 Mio € im dritten Quartal verbucht. Hätten wir die Fair-Value-Option analog gängiger Branchenpraxis angewendet, wäre unser Gewinn im Berichtsquartal um über 2 Mrd € höher ausgefallen.

Die Deutsche Bank hat ihre solide Kapitalposition und stabile Finanzierungsbasis weiter gestärkt. Wir halten dies bei derartig extrem angespannten Märkten wie gegenwärtig für unerlässlich. Die Tier-1 Kapitalquote betrug zum Ende des dritten Quartals 10,3 % gegenüber 9,3 % zum Ende des zweiten Quartals. Unsere unbesicherten Finanzierungsmittel, die sich auf 521 Mrd € beliefen, stammen zu 86 % aus erstklassigen Quellen, darunter Einlagen und Emissionen im Kapitalmarkt. Lediglich 14 % waren kurzfristige Interbankenfinanzierungen, die aber durch unsere Liquiditätsreserve gut abgesichert sind.

Angesichts der schweren Marktturbulenzen bleiben die Geschäftsaussichten für Banken schwierig. Es wird einige Zeit vergehen, bis die Maßnahmen der Regierungen und Zentralbanken greifen. Gleichzeitig schwächt sich die Weltwirtschaft weiter ab und die Gefahr der Rezession nimmt zu. In den USA und in einigen Ländern Europas setzt sich die Talfahrt der Hauspreise fort, steigt die Arbeitslosenquote wieder an und der private Konsum schwächt sich ab. Das Wachstum in führenden asiatischen sowie energieproduzierenden Volkswirtschaften hält zwar an, fällt jedoch geringer aus als in vergangenen Jahren.

Das sich verschlechternde wirtschaftliche Umfeld beeinträchtigt unser Geschäft in allen Kundensegmenten. Die Kapitalmarktemissionen liegen erheblich unter dem Niveau der Jahre 2006 und Anfang 2007, die Aktivitäten bei Fusionen und Übernahmen (M&A) sowie bei kreditfinanzierten Unternehmenskäufen sind ebenfalls deutlich gesunken. Das Umfeld im Kreditgeschäft beginnt sich einzutrüben. Die Zahl der Unternehmensinsolvenzen sowie die Ausfallquoten im Konsumentenkredit- und Kreditkartengeschäft gehen nach oben. Sowohl institutionelle als auch private Anleger sind mittlerweile äußerst zurückhaltend geworden. Da die Verhältnisse auf den Aktien- und Kreditmärkten nach wie vor extrem schwierig sind, werden wir unsere Risikopositionen in den betroffenen Bereichen weiter sehr genau überwachen.

Bisher haben wir die Finanzmarktkrise besser überstanden als einige unserer Mitbewerber. Seit ihrem Beginn im zweiten Halbjahr 2007 konnten wir insgesamt einen Jahresüberschuss von 3,5 Mrd € erwirtschaften. Dank eines aktiven Kreditrisikomanagements sind wir gut gewappnet, um einer Abschwächung im Kreditgeschäft standzuhalten. Unser Geschäftsmodell einer weltweit führenden Investmentbank in Kombination mit „stabilen“ Geschäftsfeldern hat sich als widerstandsfähig erwiesen. Die „stabilen“ Bereiche haben zur Ertragsdiversifikation und zu einer breiteren Refinanzierungsbasis beigetragen. Als starkes Finanzinstitut profitieren wir in unsicheren Zeiten von einer „Flucht“ der Kunden „in Qualität“. Insgesamt verkennen wir in der aktuellen Situation zwar nicht die großen Herausforderungen, aber wir sehen auch die Chancen für die Deutsche Bank.

Es bestehen gute Möglichkeiten, uns in allen Kerngeschäftsfeldern zu verstärken. Im Investment Banking haben wir es mit weniger Mitbewerbern als früher zu tun und in einigen krisenresistenten Handelsbereichen mit hohen Umsatzvolumen wie zum Beispiel im Devisenhandel haben wir Marktanteile gewonnen. Wir haben das Potenzial, die Wachstumsbereiche auszubauen und gleichzeitig unser Risiko bei Geschäften mit strukturierten Produkten zu reduzieren. Im Unternehmensbereich Global Transaction Banking, dessen Gewinne in den vergangenen fünf Jahren sehr stark zulegen konnten, wollen wir weiter in organisches Wachstum und in Akquisitionen investieren. Der Geschäftsbereich Private Wealth Management hat erneut erfolgreich neue Kundengelder eingeworben, die künftig ertragswirksam werden. Im Unternehmensbereich Private & Business Clients haben wir eine weitere Phase unseres Wachstumsprogramms gestartet. Es zielt darauf ab, die Anlageberatung in unseren europäischen Kernmärkten zu forcieren, gleichzeitig das komplementäre Konsumentenfinanzierungsgeschäft aufzubauen und die Effizienz der unterstützenden Dienstleistungseinheiten zu steigern.

Darüber hinaus haben wir im Berichtsquartal eine wichtige Investitionsentscheidung getroffen: Wir vereinbarten, einen Anteil an der Deutschen Postbank zu erwerben. Diese Transaktion soll im ersten Quartal des nächsten Jahres abgeschlossen werden. Außerdem haben wir mit der Deutschen Postbank einen Kooperationsvertrag unterzeichnet, der die Zusammenarbeit in verschiedenen Bereichen wie der Vermarktung von Baufinanzierungs- und Anlageprodukten sowie im Einkauf und in internen Servicefunktionen regelt. Gemeinsam können wir fast 30 Millionen Kunden erreichen. Mit der Transaktion erhöhen wir unsere strategische Flexibilität. So sind wir nicht verpflichtet, eine Mehrheitsbeteiligung an der Deutschen Postbank zu erwerben. Sollten wir uns dazu jedoch entschließen, würde dies weitere wesentliche Vorteile mit sich bringen. Wir könnten zu den führenden Anbietern im Privatkundengeschäft in Kontinentaleuropa aufschließen, in unserem Heimatmarkt Deutschland wären wir der unbestrittene Marktführer und unsere Einlagen würden sich fast verdoppeln. Ausschließlich zur Finanzierung dieser Beteiligung haben wir unser Kapital um 2,2 Mrd € aufgestockt, wofür ich an dieser Stelle allen beteiligten Investoren danke, die uns ihr Vertrauen geschenkt haben.

Wir werden in unserem Kosten-, Kapital-, Liquiditäts- und Risikomanagement weiterhin sehr diszipliniert vorgehen. So haben wir das Ziel für unsere Tier-1 Kapitalquote auf 10 % erhöht. Ferner wollen wir unsere Bilanz verkürzen und dadurch die Quote des als Anteil an der Bilanzsumme gemessenen Eigenkapitals (sogenannte Leverage Ratio) verbessern. Wir geben dem hohe Priorität und ich bin zuversichtlich, dass wir hier bis Ende dieses Jahres erkennbare Fortschritte sehen werden. Schließlich werden wir auch bei unserem Dividendenvorschlag die notwendige Bewahrung unserer Kapitalstärke in diesen schwierigen Zeiten angemessen berücksichtigen.

Die Deutsche Bank hat auch angesichts der extremen Marktverwerfungen ihre Widerstandsfähigkeit bewiesen. Aber es ist uns natürlich sehr wohl bewusst, wie negativ sich die Kreditkrise auf unsere Ertragslage und bedauerlicherweise auf den Kurs unserer Aktie ausgewirkt hat. Zusammen mit meinen Kollegen nehme ich unsere Aufgabe daher sehr ernst, die Deutsche Bank so unbeschadet wie möglich durch dieses außergewöhnlich schwierige Marktumfeld zu steuern. Vor diesem Hintergrund haben sich die Mitglieder des Group Executive Committee freiwillig dafür ausgesprochen, in diesem Jahr auf leistungsbasierte Vergütungen zu verzichten. Der Aufsichtsrat hat einen vergleichbaren Beschluss gefasst.

Trotz der krisenhaften Rahmenbedingungen an den Märkten in den letzten Monaten und der sehr verhaltenen Aussichten für die nächsten Monate haben für uns die berechtigten Interessen unserer Kunden und Aktionäre uneingeschränkte Priorität. Die Deutsche Bank verfügt über ein robustes Geschäftsmodell, eine solide Kapital- und Finanzierungsbasis und eine starke Marktposition in allen Kerngeschäftsfeldern. Wir sind fest entschlossen, die aktuellen Herausforderungen anzunehmen, aber auch die Chancen zu nutzen, unser Geschäft weiter auszubauen und für unsere Aktionäre nachhaltigen Wert zu schaffen. Wir danken Ihnen, unseren Aktionären, ausdrücklich für Ihre Loyalität und Ihre Unterstützung.

Mit freundlichen Grüßen

Josef Ackermann
Vorsitzender des Vorstands und des Group Executive Committee

Frankfurt am Main, im Oktober 2008