Deutsche Bank

Geschäftsbericht 2016

Die Bankenbranche

Das Jahr 2017 dürfte für die Bankenbranche weltweit von einigen entscheidenden Weichenstellungen geprägt sein. Zum ersten könnten die unter dem Schlagwort Basel IV laufenden Diskussionen der im Baseler Ausschuss vertretenen Regulierer über größere Anpassungen der Eigenkapitalstandards abgeschlossen werden. Ein Scheitern der Verhandlungen ist jedoch nicht ausgeschlossen. Bei einer Einigung zeichnet sich u.a. ein deutlich wachsendes Gewicht des Standardansatzes zulasten interner Risikoberechnungsmodelle ab. Dies würde voraussichtlich einen signifikanten Anstieg der Risikoaktiva bei vielen Banken bedeuten. Zum zweiten deutet sich in den USA ein Jahrzehnt nach der Finanzkrise ein Paradigmenwechsel an, weg von immer schärferer und umfassenderer Regulierung hin zu einer deutlichen Lockerung. Dies könnte möglichweise auch Auswirkungen auf den generellen Trend bei der Weiterentwicklung globaler Finanzmarktregeln haben. Zum dritten dürften sich mit dem angekündigten und in Kürze voraussichtlich eingeleiteten Ausstieg Großbritanniens aus der EU fundamentale Veränderungen bei Art, Umfang und insbesondere Standort von Finanzaktivitäten in Europa, aber auch darüber hinaus, ergeben. Dabei wird das Ausscheiden des größten nationalen Finanzplatzes aus dem europäischen Binnenmarkt den europäischen Finanzsektor insgesamt im globalen Wettbewerb zweifelsohne schwächen.

In Europa stehen neben dem Beginn der Brexit-Verhandlungen wichtige Wahlen in großen EU-Ländern bevor, bei denen der durch populistische Parteien ausgeübte Druck weiter zunehmen dürfte. Das könnte sich für die Bankenbranche aus dreierlei Gründen als problematisch erweisen: Erstens würde stärkerer Nationalismus, Protektionismus und Druck auf Banken wie Unternehmen grenzüberschreitende Geschäfte im europäischen Binnenmarkt erschweren. Zweitens könnte die Bankenbranche mit Verweis auf Verfehlungen der Vergangenheit verstärkt das Ziel populistischer Attacken werden, die in schärferer Regulierung, höherer Besteuerung oder sonstigen „Strafmaßnahmen“ wie etwa zunehmendem staatlichen Einfluss auf die Geschäftspolitik münden könnten. Drittens könnten wichtige politische Vorhaben auf der Gemeinschaftsebene wie etwa die Kapitalmarktunion, die Vollendung der Bankenunion oder allgemein wachstums- und innovationsfördernde Initiativen durch nationale Vetos blockiert und damit zum Stillstand gebracht werden. Mittelfristig würden sich die Geschäftsperspektiven der Banken in einem derart lahmgelegten Europa eintrüben.

Abgesehen von der außerordentlich hohen politischen Unsicherheit sind die Aussichten für moderate operative Verbesserungen bei den europäischen Banken in diesem Jahr nicht schlecht. Bei anhaltend mäßigem Wachstum, weiter sehr expansiver Geldpolitik und möglicherweise leicht steigendem Zinsniveau angesichts der fortschreitenden Zinswende in den USA könnte der Abbau der vor allem in Südeuropa immer noch sehr hohen Bestände an notleidenden Krediten voranschreiten. Die Kreditvergabe wird wahrscheinlich nur begrenzt zulegen, da die Zurückhaltung der Unternehmen mit neuen Investitionen anhalten dürfte, nicht zuletzt aufgrund einer schwachen Auslandsnachfrage. Die Einlagen sollten damit insgesamt weiter schneller wachsen als das Kreditvolumen. Dank einer günstigen Refinanzierungssituation könnten die Banken in Europa von leicht steigenden Kreditzinsen in Form einer steigenden Zinsmarge profitieren, zumindest für solche Kredite, die im Jahr 2017 vergeben werden.

In Deutschland sollte sich die verglichen mit dem Euroraum generell etwas höhere Dynamik im klassischen Bankgeschäft dank solider Fundamentaldaten auch 2017 fortsetzen, trotz etwas abnehmenden gesamtwirtschaftlichem Momentum. Hier gilt weiterhin besonderes Augenmerk dem Wohnimmobiliensektor – nicht zuletzt wegen der angespannten Situation auf einigen Märkten (insbesondere in den Ballungsräumen) – und der Hypothekarkreditvergabe, die eventuell weiter anziehen könnte.

In den USA hält der zyklische Kreditaufschwung nun bereits seit rund sechs Jahren an und hat fortwährend an Fahrt gewonnen, so dass angesichts der mittlerweile ausgesprochen hohen Wachstumsraten eine gewisse Verlangsamung zu erwarten gewesen wäre. Nach dem politischen Machtwechsel und der Ankündigung eines größeren Konjunkturprogramms scheint jedoch zunächst eine Fortsetzung der hohen Dynamik sowohl auf der Aktiv- als auch der Passivseite der Bankbilanzen nicht ausgeschlossen. Zusammen mit weiteren Zinserhöhungen der Notenbank und damit besseren Margen dürfte die Profitabilität der US-Banken in nominaler Betrachtung zunächst neue Rekorde erreichen, bevor mittelfristig mit wieder steigenden Kreditausfällen und einem geringeren Kreditwachstum zu rechnen ist.

In China wie auch in Japan sind 2017 keine gravierenden Änderungen der Geschäftsaussichten der Banken zu erwarten, da die gesamtwirtschaftliche Dynamik weitgehend die gleiche wie im Vorjahr bleiben sollte und sich auch keine abrupten wirtschaftspolitischen Kurswechsel abzeichnen. Offen bleibt, wie tragfähig die stark gestiegenen Verschuldungsniveaus sowohl der chinesischen Unternehmen als auch Haushalte sind, hier bestehen mittelfristig erhebliche Risiken.

Mit Blick auf die regulatorische Agenda werden in diesem Jahr abgesehen von den oben bereits genannten Themen verschiedene konkrete Maßnahmen im Fokus der Aufmerksamkeit stehen: i) die Festlegung höherer Leverage-Ratio-Mindestanforderungen für global systemrelevante Banken, ii) der anstehende Übergang bei der Bilanzierung von Kreditverlusten vom Prinzip des „eingetretenen Verlusts“ zum Prinzip des „erwarteten Verlusts“ und iii) die Festlegung, wie viel Eigen- und bail-in-fähiges Fremdkapital große Banken im Euroraum für eine Abwicklung vorhalten müssen (MREL). Unter Umständen wird Basel auch einen Vorschlag zur Kapitalunterlegung von Forderungen gegenüber Staaten vorlegen. Des weiteren sind in Europa Fortschritte bei der Kapitalmarktunion möglich, eventuell wird angesichts der jüngsten Erfahrungen auch über Anpassungsbedarf bei der Bankenabwicklungsrichtlinie beziehungsweise dem Einheitlichen Abwicklungsmechanismus diskutiert werden. Zum Jahresende treten schließlich eine ganze Reihe wichtiger Reformvorhaben endgültig in Kraft – etwa wesentliche Teile von Basel III, MiFID II und die langfristige Refinanzierungsquote (NSFR).